Werk des Monats: Der Zug ist abgefahren (Bild von Lothar Thiel)

 

 

 

 

 

In dieser Reihe stellen wir jene Werke vor, die unsere Mitglieder selbst ausgewählt haben – Texte, Bilder oder Projekte, die ihnen besonders am Herzen liegen und die sie als so bedeutend empfinden, dass sie sie hier präsentieren möchten.

Dieses Bild und noch mehr Bilder von Lothar Thiel, sind in der Zeitschrift "experimenta" - Ausgabe 1/2021 zu finden:

 

https://experimenta.de/experimenta-archiv/jahrgang-2022-2021/

Mehr Informationen zu Lothar Thiel und seinem Schaffen, gibt es auf seiner Website: https://www.lothar-thiel.de/

 

Von dort entnommen seine Vita:

 

***

 

Wie es begann

 

1963 begann Lothar Thiels schriftstellerische Laufbahn mit folgendem Werk:

 

Erwin und ich, ich und Erwin,

wir gingen zu dem Aichenbach

und suchten uns ein Unterdach.

Es regnete gar ziemlich arg,

und Erwin sagte: So ein Quark!

Wir wurden immer nasser,

und Erwin fiel ins Wasser.

 

Trotz der unübersehbaren Verwurzelung dieser Dichtung im realen Leben schloss sich dem Erstling fast ein Menschenalter zermürbender Hinterfragung des eigenen lyrischen Schaffens an, eine Phase, die durch den Einstieg ins Deutschlehrerdasein 1979 eher verlängert als verkürzt wurde. Dann endlich, 1992, entstanden diese todtraurigen Verse:

 

Die Glasscherbe

 

Im weichen Meersand entdeckte

ich zu meinen Füßen

eine grüne Glasscherbe.

Inmitten einer Unzahl winziger Sandkörnchen

hatte sie Glanz und Schärfe

ganz und gar verloren.

Angenehm in der Hand liegend,

schien sie mir einem rohen Saphir ähnlich.

 

Da:

entgleitet meinen Fingern sie

und fällte ins tiefe dunkle Gras.

 

Du armes Wesen, ruhe sanft!

 

Die Interpretation ist ganz einfach: Das lyrische Ich verdoppelt sich in die Glasscherbe und ihren mitleidsvollen Betrachter. Einst stolzes Gefäß edelster Leidenschaften, wurde sie durch verschmähte Liebe zerschmettert und selbst die anfängliche Schönheit ihres Leidens im Lauf der Jahre zerrieben.

 

Anders als 1963 blieb Lothar Thiel nun dran und erweiterte allmählich sein Repertoire an Formen und Themen. Zu seiner Freude begegneten ihm in der Folgezeit nicht nur finster entschlossene Verächter und Liebhaber seiner Versuche, sondern auch Leute, die Gelungenes und völlig Vorkorkstes beim Namen nannten und ihre Urteile sogar begründeten. Und wenn es nach ihm geht, kann das ruhig so bleiben.

 

Lothar Thiel lebt seit Juli 2015 wieder in München.

 

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